Jean Lurçat - Sein Leben, sein Werk

Jean Lurçat wurde 1892 in Bruyères, einem Städtchen in den Vogesen, geboren. Sein jüngerer Bruder, André, wird später ein bekannter Architekt. Lurçats Eltern wünschen, dass er Arzt wird. Nach Verlassen der Oberschule von Epinal studiert er zuerst Naturwissenschaften in Nancy. Bald entscheidet er aber, das Medizinstudium aufzugeben und die Malerei bei Victor Prouvé, dem Meister der Nancy-Schule, zu studieren. In diesem Jahr, in dem sich Neues für ihn eröffnet, fährt er auch nach Paris. Der akademische Unterricht behagt ihm jedoch wenig, deshalb wendet er sich der zeitgenössischen Malerei zu. 

Mit drei Freunden gründet Lurçat 1913 Les Feuilles de Mai, eine Zeitschrift, die Beiträge von Antoine Bourdelle, Elie Faure, Charles Vildrac, Rainer-Maria Rilke, Richard Dehmel, André Spire und llya Ehrenbourg veröffentlicht. Er interessiert sich für die Wandmalerei und befreundet sich mit einem Freskenmaler, der anfängt, ihm seine Kunst zu vermitteln. Die Lehre wird jedoch bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges unterbrochen: Lurçat meldet sich freiwillig zur Infanterie. 

1916 findet die erste Ausstellung seiner Werke in der Züricher Galerie Tanner statt. Bewegungsunfähig durch eine Verletzung in Verdun beauftragt Lurçat seine Mutter damit, zwei erste Bildteppiche für ihn zu sticken: Grüne Mädchen und Abend in Granada

Nach dem Krieg wohnt er in Genf bei der Familie von Jeanne Bucher. Diese Frau, die schon viele künstlerische Talente entdeckt hat, wird Lurçat in ihren engen Freundeskreis aufnehmen und mehrere Ausstellungen seiner Werke in ihrer Pariser Galerie organisieren. 

In den Jahren 1920-21 reist Lurçat viel: Berlin, München, Rom, Neapel, Palermo, Marokko sind seine Ziele. Gleichzeitig ist er sehr kreativ und stellt seine Bilder in Zürich, Genf, Bern (Kunsthalle) und Paris (Salon des Indépendants) aus. In diesen entscheidenden Jahren befreundet er sich mit Pierre Chareau - einem avantgardistischen Innenarchitekten - und lernt Marie Cuttoli kennen. Diese reiche und kluge Sammlerin regt Lurçat an, sich der Bildwirkerei zuzuwenden. Indem sie zeitgenössische Künstler wie Léger, Braque, Picasso oder Dufy mit dem Entwerfen von Teppichen beauftragt, versucht Marie Cuttoli, den Geist des Bildteppichs zu erneuern. Lurçat beginnt in dieser Kunst mit Stickereien und bald schafft er monumentale Werke. 

1923 bereist er erneut Spanien und Nordafrika, deren kahle Weiten ihn nachhaltig beeindrucken und inspirieren. Außerdem helfen ihm Kubismus und Surrealismus seine Ängste teilweise zu verarbeiten.

Kurz darauf zieht er nach Paris, in die Villa Seurat Nr. 4. Dieses Haus, sowie die anderen Häuser derselben Sackgasse, wurden nach Plänen von Lurçats Bruder im Bauhaus-Stil gebaut. 

Die folgenden Jahre sind durch seine intensive Tätigkeit als Maler geprägt. Lurçat wird sehr bekannt. 1928 besucht er Griechenland und Italien und hält sich in den USA auf. Die New Yorker Valentine Gallery organisiert eine Ausstellung seiner Öl- und Gouachebilder. Gleichzeitig nimmt er an der ersten Ausstellung zeitgenössischer französischer Kunst in Moskau teil. Wichtige Ausstellungen würdigen ebenfalls sein Werk in London, New York, und Paris, später auch in Berlin und Philadelphia.

1933 erhält er in den Vereinigten Staaten den Preis der Barnes Foundation und entwirft Bühnenbilder und Kostüme für Die Falschmünzer, ein Ballett nach Andre Gide. Lurçats erster gewirkter Bildteppich, Das Gewitter (auch Der Wind genannt), wird von Marie Cuttoli in Auftrag gegeben und nach einem gemalten Karton bei Madame Delarbre in Aubusson angefertigt. 

Im folgenden Jahr findet im Moskauer Museum für Moderne Westliche Kunst eine Ausstellung seiner ÖI und Gouachebilder statt. Anschließend wird die Ausstellung auch in Kiew gezeigt.

Die Illusionen des Ikarus, gewirkt in der staatlichen Gobelinmanufaktur, ist Lurçats erster offizieller Auftrag. Dieser Bildteppich ist ein Staatsgeschenk Frankreichs an die Königin der Niederlande. 

Auf Anregung des Rektors der Staatlichen Kunstgewerbeschule Aubusson, Elie Maingonnat, werden die Bildteppiche Wäldchen, Wälder und Vögel in der Schulwerkstatt gewirkt. Lurçat lernt dann François Tabard, den jungen Direktor einer Bildteppichwerkstatt mit langer Familientradition, kennen. Diese entscheidende Begegnung steht im Vorfeld einer beispielhaften und andauernden Zusammenarbeit. Darauf bedacht, die Krise zu überwinden, unter welcher die Bildwirkerei in Aubusson leidet, erkennt Tabard, dass Lurçat frischen Wind in seine Werkstatt bringen kann.

Die Entdeckung der Apokalypse-Teppiche in Angers, eines mittelalterlichen Meisterwerks, wirkt auf Lurçat wie eine alles entscheidende Offenbarung. Durch die Einfachheit seiner Technik und den sparsamen Umgang mit den Farben ist dieses Werk im Einklang mit Lurçats eigener Intuition und Suche nach Monumentalität. 

Im September 1939 lässt er sich in Aubusson nieder. In der Tabard-Werkstatt arbeitet er mit den Wirkergesellen eng zusammen. Lurçat, Pierre Dubreuil und Marcel Gromaire werden offiziell beauftragt, die Tradition des Wandteppichs wiederzubeleben. In Verbindung mit den Werkstattmeistern und den Gesellen entwirft Lurçat in Aubusson vier große Wandteppiche: Die Vier Jahreszeiten, ein Werk dessen Ausführung er auch beaufsichtigt. Die Bildwirkerei, die sich selbst zur ständigen Wiederholung alter Muster verdammt hatte, soll nun aus ihrer Lethargie geweckt werden.

Trotz des Krieges, der schlechten materiellen Bedingungen und der zu überwindenden Widerstände gelingt es Lurçat, das Interesse einiger regionaler Teppichliebhaber zu wecken. Bald werden etwa zwanzig Bildteppiche in den Werkstätten Aubussons gewirkt. 

1941 muss Lurçat die Stadt verlassen. Er zieht ins Departement Lot um und beteiligt sich dort an der Resistance. Da Tabard in Gefangenschaft geriet, wird Freiheit, ein durch das gleichnamige Gedicht Paul Eluards inspirierter Teppich, in der Goubely-Werkstatt gewirkt. Durch ihren kritischen Symbolismus stehen die Iyrischen Bildteppiche Lurçats im Gegensatz zu der damaligen traurigen Wirklichkeit. Der im Lot gegründete Künstlerkreis erweitert sich zunächst um Persönlichkeiten wie Dom Robert oder Saint-Säens und wird zunehmend größer. 

1943 findet in Toulouse, im Musée des Augustins, die erste Ausstellung zeitgenössischer Bildteppiche statt. Lurçat setzt sich stark für eine Bildwirkerei ein, die sich von den Maltechniken befreit und dem egoistischen Individualismus den Rücken kehrt. 

Später wird Lurçat zum Mitglied des Befreiungsausschusses im Lot ernannt und leitet einige Monate lang die Zeitschriften Liberté und Les Etoiles du Quercy. 1945 erwirbt er in Saint-Céré das sich auf einem Gebirgsvorsprung befindende Schloss Les Tours Saint-Laurent. Im diesem beeindruckenden Bau, der ihm auf Anhieb gefallen hatte, findet er die passende Kulisse für seine monumentalen Bildteppiche. Von nun an wird Saint-Céré jeden Sommer zahlreiche junge Künstler anziehen, die hierherkommen, um in die Bildwirkerei eingeführt zu werden und Lurçat bei der Vorbereitung der Kartons für die großen Aufträge zu helfen. Der Bund der Kartonmaler (A.P.C.T.) wird auf Anregung von Denise Majorel gegründet. Diese von Lurçat geleitete Künstlergruppe wird durch die 1950 in Paris eröffnete Galerie La Demeure einen großen Ruhm erlangen. 

1946 findet eine sehr wichtige Ausstellung im Pariser Staatlichen Museum für Moderne Kunst statt: Der französische Bildteppich vom Mittelalter bis zum heutigen Tag. Die Ausstellung wird anschließend in Amsterdam und Brüssel gezeigt. Ein breites internationales Publikum wird so mit der Bildwirkerei bekannt gemacht und entdeckt mit großer Begeisterung die zeitgenössischen Tendenzen dieser Kunst. 

Der Apokalypse-Teppich im Chor der Pfarrkirche von Assy und Der Wein im Burgunder-Wein-Museum von Beaune (1947) sind die zwei ersten Bildteppiche sehr großer Dimension, die Lurçat entwirft. Beim Genfer Verleger Pierre Cailler veröffentlicht er Travail dans la tapisserie du Moyen Age sowie Le Bestiaire de la tapisserie du Moyen Age und bei Bordas in Paris Tapisserie française

Das Jahr 1948 wird durch eine Vortrags- und Ausstellungsreihe in England, Belgien und der Tschechoslowakei geprägt. Diese weltweite Informations- und Verbreitungstätigkeit zu Gunsten der Bildwirkerei wird von nun an einen großen Teil seiner Zeit beanspruchen und durch zahlreiche eigene oder gemeinschaftliche Ausstellungen ergänzt werden. 

Ab 1951 wird Lurçat in einem neuen Bereich, der Keramik, kreativ. Die Zusammenarbeit mit der Töpferei Sant-Vicens in Perpignan beginnt. 

Eine Vortrags- und Ausstellungsreihe bringt ihn nach Südamerika. Später verbringt er auch zwei Monate in China. Diese Begegnungen mit neuen Ländern spiegeln sich in seinem plastischen Vokabular wider. 

Lurçat beginnt eine Wandteppichfolge, die insgesamt 500 m? groß werden soll. Dieses unter dem Sammelnamen Der Gesang der Welt bekannte Werk ist ein “Inhaltsverzeichnis” zum Leben des Künstlers. Die ersten Stücke unterstreichen die Bedrohungen der modernen Welt, spätere betonen aber auch deren Poesie und Lebensfreude. Gemeinsam stellen Lurçat und der Bund der Kartonmaler Teppiche in Europa, den Vereinigten Staaten und Japan aus.

Stellvertretend für sein Gesamtwerk werden ausgewählte Arbeiten 1958 im Pariser Museum für Moderne Kunst im Rahmen einer großen Ausstellung gezeigt. Im folgenden Jahr sind die sechs ersten Stücke von Dem Gesang der Welt in der Münchener Städtischen Galerie zu sehen. 

Auf eine andauernde Wiederbelebung der Bildwirkerei bedacht, ist Lurçat an der Gründung des Internationalen Zentrums des Alten und Modernen Bildteppichs (C.I.T.A.M.) in Lausanne maßgeblich beteiligt. Nachdem er zum Vorsitzenden dieser Einrichtung gewählt wurde, wird die erste Biennale 1962 organisiert. Lurçat erhält viele Anfragen. Ununterbrochen hält er Vorträge, bereitet Ausstellungen vor und zeichnet Kartons. 

Eine wichtige Ausstellung von Lurçats Werken findet im Pariser Kunstgewerbe Museum statt. Sie zeigt Bildteppiche -unter anderem Der Gesang der Welt aber auch Keramik und Schmuck. 

Das zehnte Stück der Wandteppichfolge Der Gesang der Welt erhält seinen Titel, Ornementos sagrados, nachdem Lurçat eine mexikanische Kirche besucht hat. Dieser zehnte Teppich ist leider der letzte: Lurçat stirbt am 6. Januar 1966 in Saint-Paul-de-Vence und das Werk kann nicht mehr vollendet werden. Im folgenden Jahr wird Der Gesang der Welt im ehemaligen Johannes-Krankenhaus in Angers ausgestellt. Dem Wunsch Jean Lurçats folgend befindet sich dieses Werk von nun an unweit jener Apokalypse-Teppiche, die den Künstler so stark beeindruckt hatten. 

Durch seine Lebensart, seine visionäre Weltanschauung und seine Vorliebe für das Wort und die Tat ist Lurçat ein prägender Künstler des zwanzigsten Jahrhunderts. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass es ihm gelungen ist, die Bildwirkerei kreativ wiederzubeleben. Damit hat er gezeigt, dass eine sehr alte Technik mit den zeitgenössischen Erwartungen in Einklang gebracht werden kann. 

M.M.

 Aus "Jean Lurçat - en quelques pages / in brief / kurz gefasst"
Herausgegeben von Musée departemental de la tapisserie Aubusson
ISBN 2-904464-24-7

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