Warum ist Jean Lurçat in Eppelborn zu sehen?

Angers, Maine-et-Loire, Frankreich, 13.08.1992. 16:00 Uhr:

Sommerferien, freie Zeit, Unabhängigkeit - da kommt es zu spontanen Entschlüssen. So ging es vor 25 Jahren bei einer Ferien­reise in Frankreich. Ich war, wie so oft, mit einem väterlichen Freund unterwegs: Paul Ludwig, geboren in Saarbrücken als Spross einer Kondi­torenfamilie, die einmal das längst untergegangene Café Ludwig auf der Bahnhofstraße betrieb. Wir kamen aus der Normandie, und Paul wollte auf der Heimfahrt die Burg und die Kathedrale von Angers sehen. 

Nachdem das alles besichtigt war, gingen wir noch einer besonderen Spur nach:

An allen Ecken und Enden der Stadt Angers hingen Plakate zu einer besonderen Ausstellung, zum hundertsten Geburtstag des Malers Jean Lurçat,

Paul war Schulpfarrer und Kunstlehrer in Trier, kannte aber diesen Maler überhaupt nicht - ich erst recht nicht. Also, kurz entschlossen und spontan beschlossen wir, uns das einmal anzuschauen. Unbeschreiblich die Wirkung: wir kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus über die aus aller Welt zusammengetragenen Werke - Gemälde, Zeichnungen, Keramik, Wandteppiche. Eine Leuchtkraft der Farben, eine Schönheit in der Darstellung - es war, wie wenn wir beide in einen Farbtopf hineingefallen wären. Am Abend fuhren wir weiter Richtung Heimat, doch nach einer Zwischenübernachtung war uns klar: wir müssen zurück nach Angers.

Und dort begann ein immer intensiveres Hinschauen, ein Nachlesen und Studieren; denn wir wollten dahinterkommen, was bei diesem Jean Lurçat so besonders war. Die folgenden Jahre führten uns in die Heimat des Künstlers, nach Bruyeres in den Vogesen, ganz nah bei Gerardmer, das ja fast jeder Saarländer kennt. Wir nahmen Kontakt auf zur Witwe des Malers, Simone Lurçat, in Paris. Wir suchten weitere Sammlungen seiner Kunst auf, so in Aubusson, an der Wiege der Tapisserien-Kunst. Und wir fuhren nach Südfrankreich, nach Saint Céré, wo Lurçat sein Atelier in einer alten Ritterburg gefunden hatte.

Viele direkte Kontakte ergaben sich zu denen, die den Künstler gut gekannt hatten - besonders wichtig waren unsere Gespräche mit den beiden Priestern, die Lurçat nahe gestanden hatten: mit dem Jesuiten Philippe Ackerman und dem Schulpfarrer Jean Lafon. Von ihnen erfuhren wir, wie es um das geistliche Leben, um den Glauben dieses Kommunisten und angeblich Ungläubigen stand.

AII das wäre eine schöne Urlaubserfahrung und einfach so eine Entdeckung unter vielen geblieben, wenn nicht im Juli 1998 Paul Ludwig plötzlich gestorben wäre. Und dieser Tod löste zwei Stiftungen aus- was nun wirklich nicht üblich ist nach dem Tod eines noch so beliebten Geistlichen. In Trier kam es zu einer Paul-Ludwig-Stiftung zugunsten der Trierer Tafel, und zur Benennung einer kleinen Straße nahe seiner Schule, dem »Paul-Ludwig-Weg«. Damit wurde sein hohes soziales Engagement unterstrichen. Und bei uns im Saarland, in Eppelborn, wo Paul in seinen letzten Jahren Seelsorger war, bildete sich die »Paul-Ludwig-Stiftung-Jean-Lurçat«. Denn der Alleinerbe von Paul hatte mit dem Erlös seines Hauses eine große Sammlung von Werken erworben, aus aller Welt zusammengetragen. So besteht diese Stiftung heute, nach vielen Hinzu-Stiftungen und neuen Erwerbungen, aus über vierhundert Werken des Künstlers Jean Lurçat.

Mitten im Saarland, in Eppelborn, stehen diese Werke jedem Besucher offen, in einem derzeit noch räumlich beengten Museum. Als Besucher kamen schon Bundespräsident Köhler, Ministerpräsident Müller und Ministerpräsidentin Kramp-Karrenbauer. Aber ebenso die vielen Interessierten aus Frankreich, auch aus dem offiziellen Paris, der Académie des Beaux Arts.

Im Juni 2017 haben der Trierer Bischof Stephan Ackermann und das gesamte Trierer Domkapitel das Museum aufgesucht. Damit hat unsere Bistumsleitung erneut aufmerksam gemacht auf das Beispiel von Paul Ludwig, für den soziale Hilfe, Gebet und Kultur immer eine Einheit waren.

Das  Saarland  mit  seinen  besonderen  deutsch-französischen  Impulsen  hat  hier  ein  seltenes  und  wirklich leuchtendes Beispiel für das Zusammenwirken von Kunst und Kultur, von Zeitgeschichte und Glauben. Und das letzten Endes, weil zwei Priester vor 25 Jahren ganz harmlos einem großen Künstler auf den Leim gingen ...

Matthias Marx

ehemaliger Pfarrer in der Gemeinde Eppelborn und Stifter der Paul-Ludwig-Stiftung „Jean Lurçat“

Paul Ludwig

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